Seit Dezember 2025 fährt die Koralmbahn unter dem Grazer Flughafen durch – und hält nicht. Das ist mehr als eine Panne. Es zeigt, wie Österreich Infrastruktur plant: jede Strecke für sich, jeder Flughafen für sich, jedes Bundesland für sich. Dabei liegt die bessere Lösung auf der Hand: ein Drehkreuz, drei Knoten – und die Bahn, die alles verbindet.
Kernaussagen
- Österreich hat sechs Passagierflughäfen. Ein Drehkreuz in Wien und drei Knoten in Salzburg, Innsbruck und Graz würden reichen.
- Die Regel ist für alle gleich: Ein Knoten gehört dorthin, wo viele Menschen weit genug von Wien entfernt leben.
- Graz ist der Knoten im Süden – für Steiermark, Kärnten und das Südburgenland. Als einziger der drei liegt er schon an der Schiene.
- Erster Schritt: Die Koralmbahn muss am Flughafen Graz halten. Dann ist Klagenfurt in rund 40 Minuten am Terminal.
- Linz verliert keinen Flughafen, sondern gewinnt vier: Wien, München, Salzburg und – über die Nord-Süd-Achse – Graz.
- Die Reihenfolge entscheidet: zuerst Klagenfurt, dann Linz, wenn Achse und Koffer-Lösung stehen.
Der Zug, der nicht hält
Seit Dezember 2025 verbindet die Koralmbahn Graz und Klagenfurt in 41 Minuten. Ein Jahrhundertprojekt. Auf dem Weg nach Graz fährt sie unter dem Flughafen durch – unterirdisch, ohne Halt. Wer aus Kärnten zum Flug will, fährt am Terminal vorbei bis zum Hauptbahnhof, steigt in die S-Bahn um und fährt wieder zurück. Ein Test kurz nach der Eröffnung ergab geplant 1 Stunde 13 Minuten, mit Verspätung fast zwei Stunden.
Das Land Steiermark nennt das einen unverständlichen Planungsfehler. Die Bahn hat bestätigt, dass eine Haltestelle machbar ist. Einen Zeitplan gibt es nicht.
Der fehlende Halt ist ein Symptom. Die Bahn plant die Bahn, der Flughafen plant den Flughafen, jedes Bundesland plant für sich. Und am Ende fährt ein Milliardenprojekt unter einem Flughafen durch, ohne ihn zu verbinden.
Sechs Flughäfen für ein kleines Land
| Flughafen | Fluggäste 2025 |
|---|---|
| Wien | 32,6 Millionen |
| Salzburg | 1,77 Millionen |
| Innsbruck | 883.000 |
| Graz | 831.000 |
| Linz | 262.000 |
| Klagenfurt | 176.000 |
Quelle: Statistik Austria, Zivilluftfahrt 2025
Wien ist ein Drehkreuz. Alle anderen sind Regionalflughäfen, zwei davon sehr kleine. Kleine Flughäfen stecken in einem Teufelskreis: wenige Verbindungen, wenig Nachfrage, noch weniger Verbindungen. Mit Steuergeld lässt sich das verlängern, aber nicht lösen. Wie das aussieht, habe ich am Beispiel Linz beschrieben: 22 Fluggäste in einer Maschine mit 72 Plätzen, bis zu 9 Millionen Euro Zuschuss pro Jahr für eine einzige Verbindung.
Die übliche Frage lautet: Wie retten wir unseren Flughafen? Die bessere Frage: Welches Netz bringt allen Menschen in Österreich das beste Flugangebot?
Ein Drehkreuz, drei Knoten
Meine Antwort:
- Wien bleibt das internationale Drehkreuz: Langstrecke, Umsteigen, das große Netz.
- Salzburg ist der Knoten für den Westen: Salzburg, Salzkammergut, Innviertel, dazu der Wintertourismus.
- Innsbruck ist der Knoten für Tirol und den Skitourismus.
- Graz wird der Knoten für den Süden: Steiermark, Kärnten, Südburgenland.
- Linz und Klagenfurt geben den Linien- und Urlaubsflugverkehr ab und werden schnell an die Knoten angebunden. Fracht, Bundesheer, Rettungs- und Geschäftsflüge bleiben.
Das ist kein Angriff auf Wien. Die Knoten machen, was ein Drehkreuz gar nicht machen will: Urlaubsflüge in den Süden, Ski-Charter am Samstag, Direktverbindungen für die regionale Wirtschaft, Zubringer zu mehreren großen Drehkreuzen in Europa.
Eine Regel für alle
Damit das nicht nach „Graz gewinnt, Linz verliert“ klingt, braucht es eine Regel, die für jedes Bundesland gleich gilt:
Ein Knoten gehört dorthin, wo viele Menschen leben, die weit genug von Wien entfernt sind.
- Linz liegt zu nah. Der Zug fährt direkt bis ins Terminal von Wien, in 1 Stunde 40 Minuten.
- Klagenfurt liegt zu nah an Graz. Mit der Koralmbahn sind es 41 bis 55 Minuten.
- Graz erfüllt die Regel. Mit Kärnten und dem Südburgenland leben im Einzugsgebiet knapp zwei Millionen Menschen. Auch wenn der Semmering-Basistunnel Ende 2029 Graz und Wien in rund 1 Stunde 50 Minuten verbindet, ist man bis zum Terminal in Schwechat deutlich länger unterwegs – aus Kärnten noch einmal länger.
- Salzburg und Innsbruck erfüllen sie wegen der Entfernung und des Tourismus.
Graz: Der Knoten liegt schon an der Schiene
Ein Knoten, der mehrere Bundesländer bedienen soll, muss mit der Bahn erreichbar sein. Salzburg und Innsbruck sind heute nur mit dem Bus angebunden. Graz hat bereits eine S-Bahn-Station, rund 300 Meter vom Terminal entfernt. Und die Koralmbahn liegt direkt darunter.
Daraus folgt der erste, konkrete Schritt: Die Koralmbahn muss am Flughafen Graz halten. Dann ist Klagenfurt in rund 40 Minuten am Terminal, ohne Umsteigen. Villach, das Lavanttal und die Weststeiermark kommen dazu. Damit wird ein Fehler korrigiert und gleichzeitig ein Knoten geschaffen.
Ein größeres Einzugsgebiet macht Graz für Fluglinien interessanter. Mehr Nachfrage bedeutet mehr Ziele und dichtere Flugpläne. Garantie ist das keine – drei Märkte lassen sich nicht einfach addieren. Aber die Verhandlungsposition eines Flughafens für zwei Millionen Menschen ist eine andere als die von drei Flughäfen, die einander Fluggäste abjagen.
Linz verliert einen Flughafen und gewinnt vier
Für Oberösterreich klingt das zunächst nach Verlust. Es ist das Gegenteil.
Heute hat Linz eine Handvoll Ziele ab Hörsching. Morgen hat es vier Flughäfen, alle mit der Bahn erreichbar:
- Wien, direkt mit dem Zug ins Terminal, mit Koffer-Lösung und durchgehendem Ticket, wie ich es im Linz-Essay beschrieben habe.
- München, sobald der Flughafen über den Erdinger Ringschluss an die Bahn angebunden ist.
- Salzburg, rund eine Stunde entfernt.
- Graz, über die neue Achse Linz–Steyr–Leoben–Graz.
Selbst wenn nur einer von hundert nach Graz fährt – weil ein Urlaubsziel nur dort angeboten wird oder weil er aus Steyr oder dem Ennstal kommt –, hat er eine Wahl, die er heute nicht hat. Das ist mehr Auswahl, nicht weniger.
Hörsching wird dabei nicht geschlossen. Linz ist ein wichtiger Frachtflughafen mit rund 15.000 Tonnen im Jahr, dazu kommen Bundesheer, Rettung und Geschäftsflüge. Diese Aufgaben bleiben.
Die Reihenfolge entscheidet
Wer zuerst zusperrt und dann baut, verliert. Dreht man den Linienverkehr in Linz ab, bevor die Alternativen stehen, landen die Fluggäste nicht in Graz. Sie fahren nach Wien, nach Salzburg, nach München – oder mit dem Auto. Deshalb:
- Zuerst die Haltestelle der Koralmbahn am Flughafen Graz.
- Dann Klagenfurt. Die Koralmbahn gibt es schon. Bestehende Flüge enden erst, wenn die Bahn nachweislich gleich gut oder besser ist.
- Dann Linz. Wenn die Koffer-Lösung nach Wien funktioniert und die Achse nach Graz in Planung ist.
Und die Flughafen-Aufgabe gehört schon jetzt in die Planung der neuen Nord-Süd-Achse. Wer eine Strecke für die nächsten hundert Jahre baut, sollte von Anfang an wissen, was sie alles kann.
Was dagegen spricht
- „Die Bahn zieht alle nach Wien.“ Teilweise ja. Bessere Bahnen stärken das Drehkreuz. Gerade deshalb müssen die Knoten eine klare Rolle haben: Urlaub, Direktverbindungen, Zubringer. Wer nach New York will, fährt ohnehin nach Wien oder München.
- „Kärnten fliegt dann ab Ljubljana.“ Für Teile Kärntens liegt Ljubljana tatsächlich nah. Gerade deshalb braucht Graz die direkte Bahn bis zum Terminal.
- „Da gehen Arbeitsplätze verloren.“ Fracht, Militär und Spezialflüge bleiben. Ein schrittweiser Übergang gibt Zeit, andere Aufgaben zu entwickeln. Und ein starker Knoten Graz schafft dort neue Arbeitsplätze.
- „Eine Landeshauptstadt braucht einen Flughafen.“ Sie braucht Erreichbarkeit. Wo der Schalter steht, ist zweitrangig, wenn der Weg dorthin funktioniert.
- „Mit dem Auto nach Graz ist schlechter fürs Klima.“ Stimmt – wenn die Bahn nicht konkurrenzfähig ist. Darum steht die Schiene in diesem Modell am Anfang, nicht am Ende.
Groß denken heißt: im System denken
Der Flughafen Linz wird als Linzer Problem diskutiert, Klagenfurt als Kärntner Problem, Graz als steirischer Standort. Die Koralmbahn war ein Bahnprojekt, die Nord-Süd-Achse ist ein Schienenkorridor. Jedes Projekt für sich ist vernünftig. Zusammen gedacht werden sie selten. Und so fährt eine neue Bahn unter einem Flughafen durch, ohne anzuhalten.
Ein Drehkreuz, drei Knoten und eine Bahn, die sie verbindet: Das wäre ein Netz, in dem kein Bundesland etwas verliert und alle mehr erreichen. Die Länder müssten dafür gemeinsam planen und gemeinsam finanzieren – nach Nutzen, nicht nach Prestige.
Nicht die Zahl der Flughäfen zählt, sondern wie viel Welt man von zu Hause aus erreicht.
Weiterlesen: Der beste Flughafen für Linz ist der Hauptbahnhof · Europa braucht eine neue Nord-Süd-Achse · Schneller als das Auto: Die Achse über Steyr und Leoben
Quellen: Statistik Austria, Zivilluftfahrt 2025 · Test Klagenfurt – Flughafen Graz mit der Koralmbahn (aviation.direct) · Land Steiermark: Haltestelle machbar · Flughafen Graz: Hoffnung auf eine Haltestelle (5min.at) · Semmering-Basistunnel: erste Züge Ende 2029 (vienna.at) · Anreise zu den Regionalflughäfen (Austrian Airlines)
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Redhammer, A. (2026): Drei halbe Flughäfen machen noch keinen ganzen. DIGITALEKLAT, 26.10.2026. https://digitaleklat.world/essays/flughafenknoten-sued